Nonverbale Kommunikation in der Therapie

Der folgende Text war die erste Hausarbeit, die ich während meines Studiums der Osteopathie geschrieben habe. Sie hat den Titel:

Interkorporalität – Die Relevanz nonverbaler Kommunikation in der therapeutischen Interaktion

Er handelt überwiegend über die vielfältigen Einflüsse, welche nonverbale Ausdrücke auf die Gesprächspartner haben können, auch auf die Entwicklung von Heranwachsenden bezogen und im letzten Teil im Rahmen von Therapie.

Man könnte dieses Thema natürlich noch deutlich weiter ausführen, aber für’s Erste ist der Text schon lang genug und gibt hoffentlich den ein oder anderen interessanten Denkanstoß für Sie als Leser.

 

Mein Bezug zu dem Thema

In der Kommunikationstheorie findet sich die Aussage, dass weniger als zehn Prozent der Informationen in einer Interaktion über den Inhalt der gesagten Worte übertragen werden. Der Großteil wird, laut dieser Theorie, über die Kanäle der Körpersprache, Gestik, Mimik und Stimmfärbung kommuniziert. Als ich das erste Mal mit dieser scheinbar wissenschaftlich untermauerten Theorie konfrontiert wurde, war ich überaus verwundert und weigerte mich, sie als wahr anzunehmen. Schließlich würde man ja in einer Unterhaltung nur willkürlich Informationen in verbaler Form preisgeben und diese wären ja in den Sätzen verpackt, die man ausformuliert. Jedes Mal, wenn mir diese grundlegende Aussage der Kommunikationstheorie begegnet ist, hat sie mich zum Nachdenken angeregt und meinen Fokus darauf gerichtet, die subtileren Wege der Interaktion zwischen Menschen genauer zu beobachten.

In diesen Beobachtungen konnte ich feststellen, dass sich tatsächlich ein sehr großer Anteil an Informationen über mein Gegenüber aus den paraverbalen Aspekten seiner Interaktion mit mir ableiten ließen und dass das von ihm oder ihr Ausgesprochene eine wesentliche Färbung dadurch erhalten hat. Mit zunehmender Zeit, die ich mit der Beobachtung dieser Faktoren verbracht habe, konnte ich mit immer kleineren Portionen direkter Interaktionen mit anderen Menschen bereits Rückschlüsse auf deren Persönlichkeit ziehen. Selbstverständlich beobachtete ich nicht nur die nonverbalen Ausdrücke anderer Menschen, sondern unterzog auch meine eigene Art und Weise der subtilen Kommunikation einer eingehenden Prüfung. Hierbei stellte ich fest, dass sich eine große Varianz dieser Faktoren in mir vorfinden ließ. Je nachdem, mit welcher Person ich mich gerade in einem direkten oder indirekten Austausch befunden habe, veränderte sich sowohl Körpersprache als auch Stimmfärbung, Sprachmelodie, Gestik und Mimik in einem sehr wesentlichen Ausmaß. Dies führte ich darauf zurück, dass ich stets eine andere Rolle eingenommen habe, je nachdem mit wem ich mich in eine Interaktion begeben habe. In einem Buch über Neurolinguistische Programmierung habe ich dann den Begriff des Rapports das erste Mal gelesen. Dies ist eine unterschwellige Bindung zweier Kommunikationspartner, die sich herbeiführen lässt, indem sich die beiden Personen bewusst oder unbewusst in ihrer Körpersprache, Gestik und Mimik aneinander anpassen. Diese Technik des sogenannten Spiegelns habe ich offensichtlich schon lange bevor ich davon das erste Mal gelesen habe bereits unbewusst angewandt. Vermutlich ist es darauf zurückzuführen gewesen, dass ich so oft dazu in der Lage war, mit Personen egal welcher sozialen Herkunft, innerhalb kürzester Zeit nach dem ersten Zusammentreffen auf eine sehr tiefe persönliche Ebene der Kommunikation zu gelangen.

Jedoch führten meine Beobachtungen noch weit über diese Herstellung von Rapport hinaus. Es liegt tief in meiner Natur, anderen Menschen helfen zu wollen. Aus diesem Grund besteht die häufigste Art an umfangreichen Konversationen, sowohl mit Freunden als auch mit komplett fremden Menschen bei mir darin, über tiefgreifende oder akute Probleme in deren momentanen Lebenssituation zu reden. Dass sich zum Teil absolut fremde Personen mir gegenüber so schnell öffneten hat mich sehr verwundert, jedoch fand sich dafür letztendlich die Erklärung, dass dies auf die paraverbale Kommunikation meinerseits zurückzuführen war. Die Art und Weise, mit der ich meinem Gegenüber Offenheit in meiner Körpersprache entgegenbrachte, die sie hat spüren lassen, dass ich mich ihm/ihr mit voller Aufmerksamkeit gewidmet habe; die Entspannung, die Geborgenheit vermittelt hat; der freundliche aber auch ernsthafte Gesichtsausdruck, der die Gewissheit gegeben hat, dass ich sie ernst nehme und mich um sie sorge; und der weiche Tonfall, der vermittelt hat, dass ich zur Seite stehen möchte – All das hat dazu geführt, dass diesen Personen das Gefühl gegeben wurde, dass sie sich mir öffnen konnten und darüber hinaus auch Rat von mir annehmen konnten. Die Relevanz dieses Phänomens für die therapeutische Interaktion hat dazu geführt, dass ich mich noch mehr mit diesem Thema auseinandersetzen und in diesem Thesenpapier weiterführende Gedanken dazu niederschreiben wollte.

Interkorporalität und Spiegelneurone

Auf dem Gebiet der Hirnforschung ist die Entdeckung der sogenannten Spiegelneurone eine der bahnbrechendsten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Sie hat das Verständnis der menschlichen Lernprozesse und mentalen Vorgänge in ein neues, klareres Licht gerückt. In verschiedenen Experimenten wurde festgestellt, dass bei der Beobachtung einer Handlung, welche eine andere Person ausführt, in der Person die beobachtet, die gleichen Areale im Gehirn aktiviert werden, welche auch aktiviert werden würden, wenn die beobachtende Person selbst die Handlung ausführen würde. Das bedeutet, dass man jederzeit die Aktivitäten anderer Menschen mental nachahmt, bzw. nachempfindet. Für das Erlernen motorischer Grundfähigkeiten scheint dieser Vorgang eine zentrale Rolle zu spielen. Ein Beispiel für das direkte Nachahmen eines motorischen Aktes ist die Spiegelung einer Mimik, wie dem Lächeln oder Herausstrecken der Zunge durch ein Neugeborenes. Bei diesem Phänomen wird die vorgemachte Bewegung der Gesichtsmuskulatur einfach direkt imitiert. In den meisten Fällen der Aktivierung von Spiegelneuronen in der weiteren Entwicklung eines Menschen findet jedoch keine direkte imitierende Ausführung der Handlung statt, sondern nur ein mentales Nachvollziehen der Handlungen der beobachteten Person. Der Mensch lernt somit durch Zusehen und erweitert damit ständig sein Repertoire an Aktivitäten. Es werden aber nicht nur motorische Fähigkeiten auf diesem Weg der Nachahmung von Person zu Person weitergegeben, sondern auch ein erheblicher Anteil an Emotionen und Möglichkeiten, diese zum Ausdruck zu bringen oder auf andere Weise mit ihnen umzugehen. Ein Neugeborenes zeigt eine deutliche Präferenz für lächelnde Gesichter gegenüber solchen mit einem nicht fröhlichen Ausdruck. Dies spricht dafür, dass bereits vom Beginn der menschlichen Entwicklung an direkte Korrelationen zwischen Emotionen und Körpersprache bzw. Mimik vorhanden sind. Aus diesem Grund scheint es möglich zu sein, die eigene Stimmung zu heben, indem man einfach ein Lächeln aufsetzt. Das Gehirn verbindet mit dem Akt des Lächelns positive Emotionen und schüttet entsprechende Botenstoffe aus. Dies passiert demzufolge auch bei der Beobachtung einer lächelnden Person, deren Mimik mental gespiegelt wird, woraufhin auch die Botenstoffe eines eigenen Lächelns ausgeschüttet werden. Ein gesunder Mensch hat somit die Fähigkeit, Gefühle eines anderen Menschen direkt nachzuempfinden. Dieser Mechanismus der automatischen Einfühlung in die Körperlichkeit einer anderen Person wird Interkorporalität genannt, weil ein direkter Informationsaustausch von einem Körper zu einem anderen stattfindet.

Emotionale Entwicklung durch Interkorporalität

Während der Entwicklung hat dieser Faktor, neben dem Erlernen motorischer Akte, eine erheblich formende Wirkung auf die Persönlichkeit des jungen Menschen. Durch Nachahmung erlernt er zuerst die Art und Weise der Bezugspersonen, Gefühle auszudrücken und andere Formen des Umgangs mit diesen. Andere soziale Kontakte und Autoritätspersonen sorgen hierbei jedoch auch für eine gewisse Prägung. Hat ein Kind zum Beispiel einen depressiven Elternteil, aber Freunde von sanguinischer Natur, wird es nicht gezwungenermaßen die negative Einstellung des Elternteils übernehmen, sondern direkt und indirekt von seinen Freunden einen gelasseneren fröhlicheren Weg, das Leben zu leben, lernen können. In den frühen Entwicklungsphasen wird die Emotionalität stark durch die Bezugspersonen an das Kind weitergegeben. So beschreibt Thomas Metzinger in „Der Ego-Tunnel“, dass ein Kleinkind nach dem Sturz erstmal keine emotionale Regung zeigt, sondern erst einen suchenden Blick zur Aufsichtsperson werfen wird, deren Reaktion es dann als Indiz dafür nimmt, ob die Situation als schlimm oder nicht so ernst anzusehen ist. Generell wir der Umgang mit Gefühlen immer stark durch das direkte Umfeld mitbestimmt. So werden von den Menschen, die direkten Einfluss auf Heranwachsende haben, in diesem emotionale Beeinflussungen erzeugt. Durch eine Vielzahl an Interaktionen mit anderen Menschen im Verlauf des Lebens, werden durch die interkorporelle Informationsübertragung von jedem Menschen viele verschiedene potenzielle Herangehensweisen gelernt, wie die Gefühlswelt ausgelebt werden kann.

Interkorporelle Impulse in therapeutischen Interaktionen

Der Austausch von Informationen auf dem nonverbalen Kommunikationskanal spielt in jeder zwischenmenschlichen Handlung eine wesentliche Rolle. Die Aspekte, welche dies im Alltag hat, werde ich nun aber nicht weiter beleuchten, sondern die äußerst hohe Relevanz im therapeutischen Verhältnis zwischen zwei Menschen herausstellen. Eine Person, welche für einen anderen Menschen als Therapeut fungiert, kann durch ihre paraverbalen Signale dem Hilfesuchenden kommunizieren, dass er sich in einem geborgenen Umfeld befindet, wodurch direkt für mehr Vertrauen gesorgt werden kann, was dazu führt, dass sich der Patient in einem größeren Maß der Intervention öffnet. Dadurch kann der Behandlungserfolg direkt mit beeinflusst werden. Patient und Therapeut nehmen eine jeweilige Rolle in der therapeutischen Interaktion ein. Von Seiten des Patienten wird für gewöhnlich eine Haltung eingenommen, die zu einem gewissen Anteil durch Ratlosigkeit geprägt ist und mitunter auch Schwäche bis Hoffnungslosigkeit beinhalten kann. Diesen Faktoren muss der Therapeut mit einer angemessenen Qualität seiner Kompetenz in der erfragten Hilfeleistung entgegenkommen, aber auch mit einer hinreichenden Menge an nonverbalen Signalen, welche dem Patienten vermitteln, dass er sich in guten Händen befindet und alles erhalten wird, was er in seiner jetzigen Situation zu brauchen scheint. Der Mensch, der die Leistungen zur Verbesserung der Umstände des Hilfesuchenden zu erbringen beabsichtigt, sollte Anteil zeigen an dem Leid, welches ihm vorgetragen wird, jedoch dabei einen sicheren Standpunkt in sich selbst bewahren, um nicht vollständig in die Erfahrung des Leides seines Gegenübers hineingezogen zu werden. Speziell weil er für gewöhnlich nicht nur einem Menschen zur Seite stehen müssen wird, aber auch, weil er dem Patienten kommunizieren muss, dass er von ihm Hilfe erlangen wird. Die kompetente Rolle des Therapeuten sollte nach wie vor in allen Aspekten der Interkorporalität übermitteln, dass von dem Zeitpunkt der Intervention an, der Prozess der Besserung des Wohlbefindens eingeläutet wird. Dem Patienten kann so durch die Mimik und Körpersprache des Hilfeleistenden auch unterschwellig seine Unsicherheit genommen werden und interkorporell die Information des Beginns des Genesungsvorgangs direkt übertragen werden.

Interkorporeller Informationsaustausch in der Osteopathie

Neben den allgemeinen Impulsen innerhalb einer therapeutischen Interaktion, welche hier natürlich auch alle eine Rolle spielen, kommt in der osteopathischen Behandlung noch der Aspekt hinzu, dass direkter Kontakt mit dem Körper des Patienten besteht. Durch Erfahrung und Intuition kann sich der Osteopath direkt in den Behandelten einfühlen und dabei schon vor der ersten Berührung Eindrücke über Spannungen und Dysfunktionen erlangen. Während des diagnostischen Prozesses wird die Aufmerksamkeit gezielt auf einzelne Bereiche des untersuchten Körpers gelenkt, was so weit geht, dass die Wahrnehmung des Untersuchenden stets von den empfangenen Signalen erfüllt wird. Im Prozess der Behandlung wird die Rolle von Sender und Empfänger der Informationen auf der körperlichen Ebene umgekehrt, sodass der Osteopath nun durch seine Techniken dem Gewebe des Patienten Reize sendet, durch die es in die gewünschten Zustände gebracht werden soll. Hierbei findet stets auch ein Rückkopplungseffekt statt, in dem der Behandelnde wahrnimmt, inwieweit sich das Gewebe dem gesetzten Reiz anpasst. Andrew Taylor Still hat gesagt, dass sich der Therapeut während einer osteopathischen Anwendung darauf konzentrieren soll, welchen Zustand die behandelte Körperstelle optimalerweise haben sollte. Der dysfunktionalen Qualität soll, so weit es geht, keine Beachtung geschenkt werden, sondern interkorporell die Qualität der Gesundheit, die man erreichen will, im Geist gehalten werden, wodurch sie sich über die oben beschrieben Pfade auf den Körper des Patienten übertragen. Allgemeiner gehalten, wird durch einen körperlich und geistig entspannten Osteopathen über die Berührung direkt auch diese Entspannung durch unbewusste Nachahmungsprozesse auf den Patienten übertragen. Aus diesem Grund ist ein hohes Maß an Bewusstheit des praktizierenden Osteopathen für seinen eigenen Körper, speziell während der Behandlung von Nöten, damit Patienten die beste mögliche Behandlung zur Verfügung gestellt werden kann.